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List über List




in böser alter Zauberer hatte zwei Kinder, Bruder und Schwester, geraubt und tief in den Wald nach seinem abgelegenen Hause geschleppt, um sie dort aufzuziehen, bis sie vierzehn Jahre, vierzehn Tage und vierzehn Stunden alt wären, dann wollte er sie in Fische verzaubern und aufessen, weil ihm sein Zauberbuch gesagt hatte, daß er nach solchem Mahle sich selbst wieder bis zum vierzehnten Jahre verjüngen und dann sein Sündenleben aufs neue anfangen könne. Er hielt die Kinder auch ganz gut und gab ihnen reichlich zu essen und zu trinken, damit sie recht groß und stark werden und ihm einst viel nützen könnten. Nun war aber der Knabe ein sehr anschlägiger Kopf und dachte Tag und Nacht darauf, wie er mit seinem Schwesterchen entfliehen und wieder zu seinen Eltern kommen möchte. Von dem aber, was der Zauberer mit ihnen vorhatte, ahnte er anfangs nichts, bis ihm einmal, nachdem beide schon Jahr und Tag bei dem Zauberer gewesen waren, in des Bösewichts Abwesenheit das Zauberbuch in die Hände fiel. Er studierte so lange darin, bis er es verstehen konnte; dann erkannte er zu seinem Schrecken, was eigentlich der Zauberer mit ihm und seiner Schwester vorhabe. Er ließ sich aber gar nichts anmerken und hatte nur immer das Auge auf das Zauberbuch. So oft nun der Zauberer das Haus verließ - und das kam häufig vor, denn er ging täglich stundenlang auf bösen Wegen -, nahm der Knabe das Buch aus dem Wandschranke hervor, wohin es der Alte immer ganz arglos legte, weil er glaubte, die Kinder könnten doch nicht darin lesen, und las aufs eifrigste darin. So kam es denn, daß der Knabe bald eine Menge Zaubersprüche erlernte und nach und nach ein fast ebenso geschickter Zauberer wurde als der Alte. Doch gelobte er bei sich, diese Kunst nie andern zum Schaden auszuüben, sondern sie nur zu gebrauchen, um sich und seine Schwester aus den Klauen des hinterlistigen Menschen zu erretten. Als nun eines Tages der Zauberer wieder ausgegangen war und die Kinder allein in der Stube zurückgelassen hatte, beschloß der Knabe, die Kraft seiner erlernten Sprüche auch zu erproben. Er wünschte darum sich in ein Eichhorn zu verwandeln, sprach seinen Zauberspruch, und flugs lief er als Eichhörnchen den Ofen hinauf. "Um Himmels willen, wo bist du geblieben ?" rief die Schwester. "Hier bin ich", rief das Eichhörnchen vom Ofen herab, "komm und fange mich." Da wollte das Mädchen die Hand nach dem Tierchen ausstrecken, aber die Hand erstarrte ihm, trieb Zweige und Blätter und gleich darauf war das Mädchen in einen Rosmarinstrauch verwandelt. "Jetzt bin ich meiner Sache gewiß", sprach der Knabe, kletterte in seiner menschlichen Gestalt wieder vom Ofen herab und verwandelte den Rosmarinstrauch wieder in seine Schwester. Darauf sprach er zu ihr: "Jetzt, lieb Schwesterchen, ist es Zeit, daß wir dem bösen Mann, der uns hier gefangenhält und ums Leben bringen will, entlaufen. Mag er uns verfolgen, ich werde uns schon zu helfen wissen!" Da liefen die Kinder fort und waren schon einen halben Tag gewandert, als der Zauberer heimkam und sie vermißte. Zornschnaubend nahm er sogleich sein Zauberbuch und befragte es, weichen Weg sie eingeschlagen hätten; und als er sichere Auskunft darüber hatte, nahm er ein langes Messer, zog seine Meilenstiefel an und hatte die Flüchtlinge nach wenigen Schritten fast eingeholt. Schon hörten die Kinder, wie er mit wutheiserer Stimme rief: "Steht, oder ich schneide euch jedes Glied vom Leibe ab!" Da murmelte der Knabe einen der Zaubersprüche, die er in dem Buche gelernt hatte, und sogleich verwandelte er sich in einen kleinen See, seine Schwester aber in ein Fischlein, das nun munter in dem See herumschwamm. Kaum war diese Verwandlung geschehen, so kam der Zauberer an den See, und als er sogleich merkte, daß hier eine Verwandlung vorgegangen sei und eins der Kinder oder gar beide heimlich sein Buch studiert haben müßten, schlug und stach er vor Zorn mit seinem Messer ins Wasser und sprach alle Zauberformeln darüber aus, die er wußte, um es zu verwandeln. Allein das gelang ihm nicht, das Wasser blieb Wasser, das Fischlein schwamm lustig darin herum und schnellte gar wiederholt in die Luft, um den Bösewicht recht zu ärgern. "Wartet, ich werde euch doch schon kriegen!" murmelte dieser in den Bart und lief rasch nach Haus, um ein Netz zu holen und den Fisch zu fangen. Gleich, nachdem er fort war, nahm indes der Knabe seine menschliche Gestalt wieder an, verwandelte auch den Fisch wieder in sein Schwesterchen, und nun liefen beide wieder, was sie laufen konnten, davon. Als der Zauberer nun mit seinem Netze an die Stelle kam, wo der See gewesen war, mußte er zu seinem Ärger sehen, daß es die Kinder schon weit in der Zauberkunst gebracht hatten. Er dachte sie aber doch endlich zu fangen und verfolgte ihre Spur, die ihm sein Zauberstab auch richtig angab. Nicht lange währte es, und er war den Kindern wieder so nah, daß ihn das Mädchen schnauben hörte und angst- voll rief: "Bruder! Bruder! Jetzt sind wir verloren, der Zauberer ist dicht hinter uns !" "Sei nur ganz ruhig, Schwesterlein!" sprach der Bruder, murmelte einen Spruch, und sogleich wurde aus ihm eine Kapelle und aus seiner Schwester wurde der Altar in der Kapelle. Da kam der Zauberer heran, merkte, wie er wieder überlistet war, und lief brüllend und tobend um die Kapelle herum, denn betreten durfte er sie nicht, weil Zauberer, wegen ihres Bündnisses mit dem Bösen, keine Kirche oder Kapelle betreten dürfen. Knirschend vor Wut lief er immerfort um die Kapelle herum, schlug sich vor die Stirn und sann und sann auf Mittel, wie er sich rächen und die Kinder vernichten könne. Endlich rief er: "Halt! Ich hab's gefunden, ich werde Holz holen und die Kapelle zu Asche verbrennen." Darauf lief er sogleich in den nächsten Wald, um dürres Holz zusammenzulesen. Während er aber so mit Holzsammeln beschäftigt war, gab der Knabe sich und seiner Schwester wieder menschliche Gestalt und beide liefen eiligst querfeldein. Schon waren sie eine gute Strecke weit gelaufen, als der Zauberer ganz mit dürrem Holz bepackt aus dem Walde zurück- kam und blind und taub vor Wut auf die Stelle losrannte, wo die Kapelle gestanden; statt dieser stand aber jetzt ein Felsblock da, an den er mit seiner langen Nase so derb anstieß, daß das Blut herauslief. Grimmig fluchend warf er sein Holzbündel gegen den Felsblock und verfolgte, vermittels seines Zauberstabs, die Spur der Kinder weiter. Lange dauerte es auch nicht, so hörte das Mädchen den Racheschnaubenden wieder herankommen und rief: "Bruder! Bruder ! Jetzt sind wir sicher verloren!" "Hat nichts zu sagen !" beruhigte sie der Bruder, sprach einen Zauberspruch, und im Augenblick lag er da als eine Tenne, worauf gedroschen wird, sein Schwesterlein aber hatte er in ein Gerstenkörnchen verwandelt, das nun wie verloren und vergessen mitten auf der Tenne lag. Da schnob der wütende Zauberer heran, sah die Tenne mitten im freien Felde und das Gerstenkörnchen darauf, und merkte alsbald, was hier vorgegangen war. "Ha! Einen der beiden Bälge habe ich jetzt sicher!" rief er in wilder Freude, verwandelte sich stracks in einen Hahn und lief spornstreichs auf das Gerstenkörnchen zu, um es aufzupicken, und er war noch nicht weit davon, als sich blitzschnell die Tenne unter seinen Füßen in einen Fuchs verwandelte, der den Hahn beim Kragen packte und ihm den Kopf abbiß. So mußte der Zauberer sein Leben lassen und hatte seinen wohlverdienten Lohn; der Fuchs aber stand als ein frisches munteres Büblein wieder da, murmelte ein Sprüchlein über das Gerstenkörnchen, und - gleich war's wieder seine Schwester. Fröhlich tanzten und jubelten darauf die beiden und wanderten dann unangefochten weiter nach ihrem elterlichen Hause, wo sie mit offenen Armen empfangen wurden.

aus dem Buch "Das Zauberschloß, unbekannte alte Kindermärchen", 1948 München