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  (Seminare und Einzelsitzungen)

Die schwarze Frau




s war einmal ein armer Bauer, der hatte sieben Kinder. Als die älteste Tochter zwölf Jahre alt geworden war, ging er mit ihr in die Stadt, um für sie eine Diensstelle zu suchen. Als die beiden auf der Straße dahinschritten, kam plötzlich ein große Kutsche daher, die war ganz schwarz und fuhr ohne Pferde. Vor den beiden blieb sie stehen, und aus dem Fenster schaute eine Frau heraus, die war auch ganz schwarz.
"Bauer", sagte die Frau, "wohin gehst Du mit dem Mädchen ?"
"Ich muß halt schauen", sagte er, "daß ich einen Dienst für sie bekomme, damit sie was verdient."
"Du kannst sie gleich bei mir lassen", sagte die schwarze Frau, "hier hast du ein Handgeld, damit kannst du dich eine Weile fortbringen."
Dem Bauer war das recht, obwohl ihm die Sache etwas unheimlich vorkam - aber es war eine ganze Menge Geld ! Da setzte sich das Dirnchen in den Wagen zu der schwarzen Frau und sie fuhren davon. Nach einer Weile kamen sie zu einem schönen Haus. Dort war gleich in der Toreinfahrt ein kleines Zimmerchen. Die schwarze Frau führte das Mädchen da hinein und sagte:" In diesem Zimmer wohnst du. Hier hast du einen Bund mit Schlüsseln, sie gehören zu den Zimmern meines Hauses; es sind 100 Zimmer. Du mußt diese Zimmer aufräumen und saubermachen, das ist deine Arbeit; nicht alle an einem Tage, sondern immer nur eines. Nur in das hundertste Zimmer darfts du nie hineingehen. Wenn du drei Jahre lang deine Arbeit fleißig machst und nie einen Fuß in das verbotene Zimmer setzt, wirst du glücklich werden!"
Das Mädchen befolgte die Vorschrift genau und tat eifrig ihre Arbeit. So vergingen die drei Jahre wie im Flug; es fehlten nur noch vierzehn Tage. Da plagte sie die Neugierde doch, wenigstens einen Blick in das verbotene Zimmer zu werfen. Zögernd sperrte sie auf und guckte hinein. Da saß ihre Frau darin, aber nicht mehr schwarz, sondern bis auf die Füße ganz weiß. Geschwind schlug das Mädchen die Türe zu und lief in sein Zimmer. Kaum war sie darin, stand die Frau vor ihr und sagte: "Bist du im hundertsten Zimmer gewesen, oder nicht ?" "Nein", sagte das Mädchen,"ich bin nicht darin gewesen!" Kaum hatte sie das gesagt, so war sie mitten in einem wilden Walde und hatte fast keine Kleider an. Da weinte sie bitterlich und barg sich in einem hohlen Baum und ernährte sich von Beeren und Schwämmen.
Eines Tages jagte der junge Graf aus der nahen Stadt im Walde. Die Jagdgesellschaft kam an einen alten Baum, den umbellten die Hunde und waren nicht von der Stelle zu bringen. Der Graf selber schaute hinein, was sich da wohl für ein Wild verborgen habe. Da sah er ein wunderschönes Mädchen, kaum bekleidet, mit langen, langen Haaren. Er warf ihr seinen Mantel hinein, es kam heraus und der Graf nahm es mit in sein Schloß. Und weil es so schön und lieb war, heiratete er es. Es erzählte ihm aber nie, wie es in den wilden Wald gekommen war.
Nach einem Jahr bekam die junge Gräfin einen wunderschönen Knaben. Doch in der Nacht erschien ihre ehemalige Dienstherrin, die wieder ganz schwarz geworden war, stellte sich zur Wiege und fragte: "Bist du im hundertsten Zimmer gewesen ?" "Nein, nein", sagte die junge Gräfin. "Ich nehme dir dein Kind weg!" drohte die schwarze Frau und fragte noch einmal. Aber die Gräfin sagte wieder, sie hätte das Zimmer mit keinem Fuß betreten. Da war die Frau schon mit dem Kind verschwunden.
Die Gräfin und der Graf waren untröstlich. Sie traute sich nicht zu sagen, was vorgefallen war. Die Leute raunten sich böse Dinge zu und die alte Gräfin sagte: "Sie ist eine Hexe; wer weiß, was sie mit dem Kinde getan hat." Aber der Graf glaubte es nicht, tröstete seine junge Gemahlin und gab den Reden seiner Mutter kein Gehör.
Nach einiger Zeit bekam die Gräfin wieder einKindlein, das war noch schöner als das erste. Aber wiederum erschien die schwarze Frau, hatte das erste Kind an der Hand und sagte: "Hier ist dein Kind. Wenn du die Wahrheit sagst, bekommst du es wieder. Sonst nehme ich auch das andere mit! Bist due in dem verbotenen Zimmer gewesen?" Da sagte die junge Mutter wieder: "Ich habe keinen Fuß hineingesetzt." Da war die Frau auch schon mit den beiden Kindern verschwunden.
Nun war der Unwillen des Volkes groß und die Gräfin-Mutter beschwor ihren Sohn, seine Gemahlin zu verstoßen, denn sie sei eine Hexe. Aber er hörte nicht darauf.
Nach einiger Zeit bekam die Gräfin einen dritten Knaben. Diesmal hatte der Graf überall Posten aufstellen lassen, nur im Zimmer der Gräfin selbst stand keiner. Wiederum erschien die schwarze Frau und wiederum fragte sie: "Bist du in dem hundertsten Zimmer gewesen ?" Die junge Mutter antwortete wie immer: "Nein, ich habe keinen Fuß hineingesetzt." Da verschwand die schwarze Frau auch mit dem dritten Kind.
Nun war die Empörung allgemein, und diesmal konnte die Gräfin-Mutter ihren Sohn überzeugen, daß seine Frau eine Hexe sei. Sie wurde vor ein Gericht gestellt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt.
Schon stand sie droben und der Henker schwang die Fackel, den Scheiterhaufen anzuzünden - da kam auf einmal ein schwarzer Wagen ohne Pferde herangefahren, darinnen saß eine schwarze Frau mit drei Kindern. Sie stieg heraus, trat mit den Kindern auf den Scheiterhaufen zu und sagte: "Jetzt frage ich dich zum allerletzten Male! Wenn du die Wahrheit nicht sagst, wirst du verbrannt! Bist du in dem hundertsten Zimmer gewesen oder nicht?" Aber auch diesmal sagte die Gräfin mit fester Stimme: "Ich habe keinen Fuß hineingesetzt."
Und kaum hatte sie es gesagt, da war die schwarze Frau ganz weiß wie der Schnee und sagte: "Da hast du deine drei Kinder wieder. Hättest du nur einmal gesagt, daß du drinnen gewesen wärest, wäre es dir übel ergangen. Ich weiß schon, du warst nicht in dem verbotenen Zimmer, du hast nur hineingeschaut. Aber auch das hättest du nicht tun dürfen. Ich war schon fast ganz erlöst und bis auf die Füße weiß geworden, da war alles umsonst, weil du in mein Zimmer hineingeguckt hast. Doch hat dies Unglück wieder gutgemacht werden können, da du trotz aller Drohungen und Leiden bei der Wahrheit bliebst und nicht zugabst, daß du das Zimmer betreten hast. Du hast deinen Fehler gebüßt und mich nun ganz erlöst!"
Damit verschwand die seltsame weiße Frau, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Als Gericht und Henker jedoch die drei Kinder sahen, mußten sie erkennen, daß man die Gräfin unschuldig verurteilt hatte. Sie wurde begnadigt und lebte mit ihren Kindern und ihrem Gatten noch lange und glückliche Jahre.



aus dem Buch "Das Zauberschloß, unbekannte alte Kindermärchen", 1948 München