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Trance und Bewusstsein






Die Trance

Wenn ein Schamane "schamanisiert" versetzt er sich in einen besonderen Geisteszustand, die Trance. Dies ist ein Zustand den wahrscheinlich in seiner mildesten Form bereits jeder schon mal erlebt hat, z.B. wenn man in ein fesselndes Buch oder einen fesselnder Film versunken ist. Man ist dann mit all seinen Sinnen total auf eine Sache fixiert, nimmt auch seine Umgebung nicht mehr wahr. Mütter kennen so was auch von ihren Kindern, die tatsächlich nichts mehr hören, wenn sie grade mitten in einem spannenden Spiel sind, da ihre gesamte Aufmerksamkeit in diesem Spiel gebunden ist, d.h. der normale Alltag tritt völlig hinter diesem Spiel zurück, sie tauchen regelrecht in eine andere Welt ein.
Auch wenn wir einschlafen, durchschreiten wir jedes Mal den Zustand, der als Trance bezeichnet wird und sich irgendwo zwischen den beiden Polen „Wachzustand“ und „Schlaf“ bewegt. Je mehr wir uns in Richtung Schlaf bewegen, desto tiefer, je mehr wir in Richtung Wachzustand gehen, desto leichter wird die Trance. Ab einem bestimmten Punkt der Trance beginnen wir vor unserem inneren Auge Farben und Bilder zu sehen und können dann leicht in die Traumphase gleiten.
Doch es gibt auch die Möglichkeit, den Trancezustand willentlich herbeizuführen, durch tranceinduzierende Methoden. Zu den neueren zählt u.a. das autogene Training zu den ältesten Bewegung, Melodie und Rhythmus. Ein sehr effektives Mittel, um eine Trance herbei zu führen ist das Hin-und Herschaukeln des Körpers, so wie man es auch bei Müttern beobachten kann, die ihre Kinder auf dem Arm in den Schlaf wiegen und auch die überlieferten Schlaflieder haben nicht nur einschläfernde Wirkung, sondern können ebenfalls eine leichte Trance herbeiführen, besonders bei erwachsenen Zuhörern. Zu den tranceinduzierenden Bewegungen gehört aber nicht nur das Hin-und Herwiegen des Körpers, sondern auch Tanzbewegungen bis hin zu recht komplexen Schrittfolgen, die in Verbindung mit bestimmten Rhythmen, oft vorgegeben durch Trommeln oder Rasseln und Melodien eine Trance herbeiführen, wie man es z.B. bei diversen afrobasierten Religionen beobachten kann. Aber auch bei einigen Schamanen kann man beobachten, dass der Körper zum Trommelrhythmus hin- und herschwingt, was durchaus immer ekstatischer werden und dann auch noch in einem zusätzlichen Schütteln oder Zittern des Körpers enden kann. In diesem Zustand „siedet“ der Schamane, oft gleicht er dabei in seinen Körperbewegungen einem Topf voll Wasser, der auf dem Feuer steht und nun kurz vorm Kochen ist. Für die Außenstehenden ist dies ein untrügliches Zeichen, dass die schamanische Trance ihren Höhepunkt erreicht hat.


Das Bewusstsein

Das Bewusstsein ist etwas, das zwar jeder von uns als gegeben und vorhanden annimmt, ja, das sogar vom Philosophen Descartes als einziger Beweise seines Daseins akzeptiert wurde ("Ich denke, also bin ich"), aber gleichzeitig ist es auch etwas, was wissenschaftlich nicht messbar oder direkt nachweisbar ist. Wir gehen zwar alle davon aus, dass Menschen ein Bewusstsein haben, manche sprechen auch Tieren so ein Bewusstsein zu, aber erklären, was nun genau das Bewusstsein ist, fällt schwer. Am einfachsten kann es wohl damit erklärt werden, dass unser Bewusstsein eine geistige Instanz ist, ein Teil unseres Selbst, mit dem wir die Umwelt um uns herum wahrnehmen und in irgendeiner Form einzuordnen versuchen. Dies geschieht zum einen durch den bewussten Vorgang des Denkens und Analysierens. Aber auch unbewusst findet ein ständiger Vergleich mit uns bereits bekannten Ereignissen, Handlungen und Emotionen statt, fast so, wie ein Computerprogramm, welches permanent im Hintergrund läuft. Deshalb spricht die Psychologie auch folgerichtig nicht nur von einem Bewusstsein, sondern auch von einem Unterbewusstsein, welches man sich u.a. als einen Bereich vorstellt, in dem Emotionen und Bilder „gespeichert“ sind, die wir vergessen oder verdrängt haben.
Im Gegensatz zum schamanischen Weltbild und den meisten Religionen wird von den westlichen Wissenschaftsdisziplinen bisher immer noch weitestgehend angenommen, dass unser Bewusstsein an den lebenden Körper bzw. das lebende Gehirn gebunden ist. Aber auch hier scheint sich vereinzelt eine neue (alte) Theorie durchzusetzen, nämlich, dass es ein Bewusstsein gibt, welches nicht an die Körperaktivität gebunden ist und unabhängig von einem Körper existiert.
Im Jahr 2001 wurde an der Universität von Southampton in Groß-Britannien von Ärzten eine Studie an 63 Patienten durchgeführt, die allesamt aufgrund eines Herzschlags Nah-Tod-Erfahrungen gemacht hatten. Alle Patienten waren als klinisch tot erklärt (d.h. ihr Gehirn wies keine Tätigkeit mehr nach) und wiederbelebt worden. Die Interviews wurden innerhalb einer Woche nach der Wiederbelebung gemacht. Von den Befragten hatten 56 Patienten keine Erinnerung mehr an die Zeit ihres Todes. Sieben von ihnen berichteten von Erinnerungen, die sie zum Zeitpunkt ihres klinischen Todes gehabt hatten. Sie berichteten, ganz klare Erinnerungen daran zu haben, dass sie in dem Zustand denken und argumentieren, sich durch den Raum bewegen und mit anderen kommunizieren konnten und all das nachdem von den anwesenden Ärzten bereits der Hirntot diagnostiziert wurde. Unter anderem berichteten die Patienten nach den Worten Dr. Sam Parnias (ein Co-Autor dieser Studie), dass sie Frieden, Freude und Harmonie empfunden hätten. Einige berichteten über ein anderes Zeitgefühl und geschärftere Sinne bei gleichzeitigem Bewusstsein für den eigenen Körper. Auch erwähnten sie ein helles Licht und die Kommunikation mit bereits verstorbenen Verwandten. Dr. Parnia und seine Kollegen stießen seit der ersten Veröffentlichung ihrer Ergebnisse im Februar auf weitere Personen (mehr als 3.500), die über ähnliche Erinnerungen verfügten. Für Dr. Parnia stand nach eigenen Aussagen nach dieser Studie fest, dass das Bewusstsein unabhängig vom Körper existieren kann. Ältere Berichte des U.S.amerikanischen Psychiaters Dr. Raymond Moody (Mitte der 70er Jahre) und der schweizerisch/amerikanischen Psychiaterin Dr. Elisabeth Kübler-Ross legen ebenfalls nahe, dass es ein Bewusstsein gibt, welches unabhängig vom Körper besteht.
All diese Berichte sind natürlich in der westlichen Wissenschaft nach wie vor umstritten und es gibt andere Erklärungsansätze, die diese Erlebnisse zu deuten versuchen (Halluzinationen, die durch einen Sauerstoffmangel im Gehirn hervorgerufen wurden, eine Geisteskrankheit der Betroffenen, nachträgliches Fabulieren, etc.). Wissenschaftlich anerkannt ist also bisher lediglich, dass wir Menschen ein Bewusstsein haben, aber nicht, dass dieses auch außerhalb unseres Körpers bzw. völlig unabhängig von unseren Körper bestehen kann, weswegen natürlich Personen innerhalb unseres Kulturkreises, die aber genau das annehmen, oft als Spinner oder Scharlatane angesehen werden.
Auch der Schamane nimmt an, dass es ein Bewusstsein gibt, welches nicht an den Körper gebunden ist, bzw. er nimmt es nicht nur an, er weiß es mit Sicherheit aufgrund seiner Erfahrungen, die für ihn gar keinen anderen Schluss zulassen. Schließlich ist er nicht nur in der Lage, sein eigenes Bewusstsein auszudehnen oder aufzulösen, er kommuniziert auch mit Wesen, die zwar die geistige Instanz (das Bewusstsein) besitzen aber eben keinen Körper und deshalb auch als Geistwesen bezeichnet werden. Allein das Letztere würde schon ausreichen, um einen Schamanen oder eine schamanisch tätige Person in den Augen eines rational denkenden Menschen unseriös erscheinen zu lassen, die Fähigkeit zur Ausdehnung oder gar Auflösung des eigenen Bewusstseins kann daher aus der streng rationalen Sichtweise lediglich die Diagnose einer akuten Psychose zulassen (was den Schamanen in ethnologischen Berichten des frühen 20. Jahrhunderts auch oftmals unterstellt wurde), denn genau wie bei einem Menschen, der an einem akuten psychotischen Schub leidet, nimmt ein Schamane Dinge und Wesen wahr, die andere nicht wahrnehmen können, er öffnet sogar sein eigenes Bewusstsein und lässt sich von diesen Wesen durchdringen, so dass sie durch ihn agieren können, wird von ihnen besessen und gesteuert und wird dadurch letztendlich selber zu einem dieser Wesen. Im Gegensatz zu einem Psychotiker, der von diesen Wahrnehmungen völlig unvorbereitet überfallen wird und ihnen schutzlos ausgeliefert ist, führt der Schamane diesen Zustand völlig absichtlich und willentlich herbei und er beendet diesen Zustand ebenso absichtlich und willentlich.
Er ist ein Meister dieser veränderten Bewusstseinszustände und Wahrnehmungen, navigiert gekonnt hindurch, ohne dass sein eigener Verstand daran Schaden nimmt, wohingegen ein Psychotiker ein Spielball dieser Zustände wird. In Abwandlung zu einer Äußerung des Psychologen Abraham Harold Maslow, einem der Gründerväter der humanistischen Psychologie, kann man auch sagen: „Der Psychotiker und der Schamane befinden sich im gleichen Meer. Aber der Schamane kann schwimmen.“




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