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Schamanismus in unserem Kulturkreis





Tanum (Schweden) ca. 1700-500 v.Chr.

Bereits in alten Höhlenzeichnungen und Felsritzungen findet man bildliche Darstellungen von "Tiermenschen", die denen eines Schamanen in seiner "Arbeitskleidung" gleichen. Höchstwahrscheinlich ist der Schamanismus die älteste Religion der Welt und gilt als Urform aller anderen Religionen.
Die Herkunft des Wortes Schamane ist nicht endgültig geklärt. Die gängigste Annahme geht davon aus, dass sich das Wort von saman aus der Sprache der Tungusen (Ewenken) ableitet, einem Turkvolk, welches das heutige Sibirien und Teile der Mongolei bewohnt. Bei dieser Ethnie hat das Wort eine Doppelbedeutung, nämlich: „Der Verzückte, der aus der Fassung Geratene, der Ekstatische“ aber auch „der Wissende“ oder „der Erhitzte“. Das all diese Übersetzungen Sinn machen, wird sich noch im Verlauf des Textes zeigen.

Doch erst möchte ich kurz erläutern, was ein Schamane eigentlich ist. Zunächst einmal ist ein Schamane eine Person, die in der Lage ist, willentlich in einen Trance-Zustand zu geraten und die Grenzen des eigenen Bewusstseins auszudehnen und zu öffnen. Diese Fähigkeit macht ihn zum Medium, einem Mittler zwischen der geistigen Welt und der materielle Welt. Aber nicht jedes Medium ist auch gleichzeitig ein Schamane, denn im Gegensatz zu einem Medium agiert der Schamane nicht nur von der hiesigen Realität, der "Hierwelt" (HW), aus sondern er ist in der Lage, sich selber in die geistige Welt, die „Anderswelt“ (AW) zu begeben, um dort zu agieren und mit den Wesenheiten der Anderswelt zu interagieren. Einige dieser Wesenheiten fungieren als Verbündete, d.h. sie sind quasi Freunde, Lehrer, Ratgeber und auch Helfer des Schamanen. Von ihnen bekommt er seinen Auftrag, überhaupt als Schamane tätig zu werden, sie übertragen ihm die dazu notwendige Kraft und das Wissen.



Saami-Schamanen bei der Arbeit, Zeichnung von 1671

Man kann also durchaus sagen, dass ein Schamane ein Grenzgänger ist, er überwindet immer wieder die Grenze zwischen dem Alltäglichen/Rationalen und dem Nicht-alltäglichen/Irrationalen. Und durch diese Grenzgänge verbindet er Beides zu einer Einheit, schafft in sich selber und der Gemeinschaft in der er wirkt, ein heilsames Gleichgewicht, bzw. stellt es immer wieder her, wenn es aus der Balance geraten ist. Dazu bedient er sich, außer der Trance, die man durchaus als Grundlage bezeichnen kann, verschiedener weiterer Techniken, die ich hier kurz vorstellen möchte. Da wäre zunächst einmal die schamanische Reise. Diese ist, im Gegensatz zu einer außerkörperlichen Erfahrung, bei dem sich das eigene Bewusstsein komplett außerhalb des Körpers befindet, eher ein Ausdehnen des Bewusstseins in Bereiche der Hierwelt und auch der Anderswelt. In der HW ist diese Technik hilfreich, um bestimmte Dinge oder Personen zu finden, in Jägerkulturen dient/diente sie, um das Jagdwild aufzuspüren. Doch auch in der Anderswelt kann diese Ausdehnung des Bewusstseins dazu dienen, um etwas aufzuspüren. Im Schamanismus wird nämlich, grob gesagt, davon ausgegangen, dass eine Störung (z.B. Krankheit) zwei verschiedene Ursachen haben kann, entweder ein Zuviel an „Energie“ oder ein Zuwenig, wobei hier unter Energie nicht notwendigerweise immer nur die eigene Lebensenergie verstanden werden muss, sondern es durchaus u.a. auch ganz komplexe energetische Formen oder gar Wesenheiten sein können, die ein Zuviel verursachen, so wie z.B. außer einer „Verletzung“ in der energetischen Körperhülle (in den fernöstlichen Traditionen spricht man von Aura) u.a. auch der Verlust eines Seelenanteils für ein Zuwenig sorgen kann. Erkennt der Schamane während der Behandlung nun, dass der Verlust eines Seelenanteils der Grund für das Ungleichgewicht und die damit verursachte Störung ist, dann wird er sich auf die Reise machen, um diesen Seelenanteil zu suchen und ihn zum Klienten zurückbringen. Ja nach den Umständen die zum Seelenverlust geführt haben, kann dies mehr oder weniger schwierig sein. Hierbei ist der Schamane nicht allein, er hat Geistwesen an seiner Seite die ihn bei diesen Aufgaben beraten und, falls nötig, auch beschützen. Ohne seine Geister ist ein Schamane kein Schamane, sie sind, als seine Verbündeten, seine wichtigsten Ansprechpartner in der geistigen Welt. Diese Geister können z.B. Ahnengeister des Schamanen sein; Tiergeister, die ihm im Laufe des Lebens „über den Weg laufen“; Elementargeister (Feuer, Wasser, Erde, Luft); Ortsgeister, die Geister des Landes; Krankheitsgeister, die der Schamane einst im Kampf besiegt hat und die ihm nun dienen; Gottheiten (auch aus anderen Kulturen) und viele mehr. Da der Schamane die gesamte Natur als beseelt wahrnimmt und damit auch überall Geistwesen vorkommen, kann im Prinzip jede Art von Geistwesen unter den Verbündeten eines Schamanen sein. Eine andere Technik des Schamanen ist das Entfernen von einem Zuviel an Energie, wobei hier sowohl unerwünschte energetische Anhaftungen wie z.B. Flüche oder Verwünschungen entfernt werden, als auch anhaftende Wesenheiten, die den Klienten verwirren oder ihm Energie entziehen können (in der Psychologie würde man hier wohl eher von einem PTBS sprechen, von Depressionen, abnormen Trauerreaktionen, u.Ä.). Natürlich betreibt der Schamane bei Bedarf auch Vorsorge, dass seinem Klienten so etwas nicht noch einmal passiert. Das kann von Verhaltensratschlägen für bestimmte Situationen, über einzuhaltende Tabus oder durchzuführende Rituale bis hin zu magischen Gegenständen führen, die der Klient mit sich führen muss (Amulette oder Talismane).



"Hexen im Zauberkreis" von J.W. von Goethe

In dieser Hinsicht hat ein Schamane offenbar viel Ähnlichkeit mit dem, was man aus unseren Sagen und Märchen als Zauberer oder Hexe kennt. Das Wort Hexe leitet sich übrigens von dem Wort Hagazussa ab und bedeutet: „Die, die auf dem Hag/ der Hecke sitzt.“, wobei hierbei die Hecke gemeint ist, die die domestizierte Welt innerhalb der schützenden Hecke von der wilden Welt außerhalb der Hecke trennt. So ist die Hägse im Ursprung in unserem Kulturkreis, genau wie der Schamane, ein Grenzgängerwesen, welches mit einem Bein in der alltäglichen Wirklichkeit und mit dem anderen in der nicht-alltäglichen Wirklichkeit steht.
Das Wort Zauberer leitet sich ab von dem Wort Zauber, welches wiederum auf tover (platt) und teafor (aengl.) zurückzuführen ist. Das aengl. Ursprungswort bedeutet „rote Farbe, Ocker, Rötel“ und bezieht sich damit wohl auf die Sitte, die Zauberzeichen (Runen) rot zu färben, damit sie ihre Kraft entfalten. Auch gibt es die Theorie, dass sich das Wort „Zauber“ von „Zinnober“ ableitet, was ebenfalls ein Hinweis auf das Röten der magischen Zeichen ist. Doch schauen wir uns an, was den Zauberern und Hexen in unseren Märchen und Sagen an Fähigkeiten nachgesagt wird. So können sie fliegen (auf Besen oder auf magischen Tieren sitzend), reisen in die NAW, um von dort mit bestimmten Fähigkeiten oder Gegenständen zurückzukommen (Frau Holle), können mit Tieren sprechen, Wetter machen und kennen magische Sprüche und Praktiken, die sie zum Wohl oder Leid anderer einsetzen. Auch gibt es in unseren Märchen Menschen, die sich mit Tierfrauen bzw. -männern verheiraten („Die drei Schwäne“ oder „Schneeweißchen und Rosenrot“), wenngleich diese tierischen Ehepartner dann oft als unter einem Fluch stehend dargestellt werden, was man aber auch durchaus so deuten kann, dass der entsprechende Tiermensch in der Lage war, seine menschliche Gestalt in die eines Tieres zu verwandeln, also selber ein Zauberer war.
Auch in Kulturen, in denen es heute noch Schamanen gibt, existieren Erzählungen von der Heirat eines Menschen mit einem Tiermenschen, wobei es sich hier um einen Schamanen handelt und bei dem Tiermenschen um den tierischen Verbündeten des Schamanen, sozusagen, seinem Geisterehepartner. Ebenfalls kennt und fürchtet man in diesen Kulturen die Fähigkeit bestimmter Menschen, sich selber in ein Tier verwandeln zu können (Werwolf).
In der Mythologie der nordischen Völker gibt es den Gott Wotan, der ebenfalls einige schamanische Aspekte in sich vereint. Von ihm sagt man, dass er auf einem achtbeinigen Pferd namens Sleipnir reitet. In dem Zusammenhang ist interessant, dass die Trommel eines Schamanen auch sein "Pferd" genannt wird, da er quasi auf dieser in die verschiedenen Welten reitet. Auch der Name der Welteneibe (nicht -esche) Yggdrasil bedeutet übersetzt "Pferd" des "Schrecklichen" (ein Beiname Wotans) und es ist überliefert, dass Wotan seine schamanische Initiation an Yggdrasil "neun lange Nächte" hängend durchmachte. In der Zeit ritt er ebenfalls in verschiedene Welten und bekam die zauberkundigen Runen als Geschenk. Auch ist er in der Lage, mit Hilfe seiner Raben, alles zu sehen, was in der Welt passiert, er selber kann sich in einen Adler verwandeln, kennt die zauberkräftigen Runen und ist ein Kenner der Kunst Seid. Der Begriff Seid wird oft mit dem Wort sieden übersetzt und bezeichnet zum einen ein Verfahren, bei dem bestimmte Kräuter in einen erhitzten Kessel geworfen werden, zum anderen wird aber auch die Ähnlichkeit zu dem „erhitzt sein“ in der Bedeutung des Wortes saman (Schamane) deutlich. Die Ausübung des Seid wurde übrigens ursprünglich der Göttin Freyja zugesprochen, diese soll die Kunst Wotan vermittelt haben.
Wir wissen, dass die heidnischen Germanen nicht nur über ein schamanisch geprägtes Weltbild verfügten (Weltenbaum, der durch neun Welten reicht; die Fylgia als ein tiergestaltiges Geistwesen, welches jeden Menschen begleitet) und schamanische Praktiken (Trance, Beschwörung von Geistern der Toten, Zauberlieder) kannten, sondern auch spezielle Personen hatten, die diese Praktiken durchführten. In der Edda werden die weiblichen Vertreter dieser speziellen Gruppe "Völva" oder "Wala" genannt.
In der Egilsaga wird erwähnt, dass zur Verwendung der Zauberzeichen (Runen) ein umfangreiches Wissen nötig ist, um diese richtig anzuwenden und eben nicht jeder über dieses Wissen verfügt.



Wotan auf Sleipnir,Steinzeichnung Schweden 600v.Chr.

Mit dem Aufkommen des Christentums wurden viele Zauberpraktiken, die der Heilung oder Segnung dienten und bei denen ursprünglich die heidnischen Gottheiten beschworen wurden, christianisiert (siehe Anhang: 2. Merseburger Zauberspruch und Segensspruch aus Emil König „Hexenprozesse“, Berlin 1930), die Praktiken, die zum Schaden anderer ausgeübt wurden, wurden verboten und deren Ausübung unter Strafe gestellt. Dies führte dann dazu, dass im Christentum die positiven Zauberpraktiken weiterlebten, während die negativen Praktiken dem Heidentum zugerechnet wurden und damit verbunden auch der Glaube an bestimmte Wesenheiten, die nun ebenfalls „das Böse“ verkörperten. (Das Vermischen schamanischer Praktiken mit christlicher Symbolik lässt sich übrigens auch heute noch bei Völkern z.B. in Lateinamerika und Westafrika beobachten, bei denen die Christianisierung zeitlich nicht so weit zurück liegt, wie bei uns und die Vormachtstellung des Christentums nicht durch eine von der Inquisition veranlassten Hexenverfolgungen gefestigt wurde.)
Aufgrund unserer hiesigen Geschichte ist es daher nicht weiter verwunderlich, dass sich von den ursprünglich schamanischen Praktiken in unserem Kulturkreis lediglich die Zaubermedizin erhalten hat, allerdings nicht als anerkannte Volksheilkunde, sondern als etwas, was in unserer rational geprägten Gesellschaft gerne als „hinterwäldlerischer Aberglaube“ diffamiert wird. Doch grade diese Praktiken sollten wir uns genauer anschauen, ebenso wie die Menschen, die diese Praktiken ausüben. So berichtet Helmut Nemec in seinem Buch „Zauberzeichen“ (Wien 1976) von einem sogenannten „Viehdoctor“ der Mitte des 19. Jahrhunderts im Brixental (Südtirol) wirkte. Dieser Viehdoctor, Leonhard Schipflinger, genannt der „Hexenliandei“, war von Beruf Hirte und Senner und erwarb sich im Umgang mit Tieren ein gewisses intuitives Wissen, so dass er von den Bauern der Gegend oft gerufen wurde, wenn ein Tier krank war. Weiter berichtet Nemec: „Kaum hatte Liandei den Stall betreten, sagte er: da muss der böse Geist aus dem Stall getrieben werden. Er nahm ein altes, vergilbtes Büchlein aus der Rocktasche, murmelte ein Sprüchlein, und der böse Geist war aus dem Stall. Jetzt gab Liandei einen Einguss her und die Kuh wurde gesund.“ Interessant ist, dass hier, in guter schamanischer Tradition, ein böser Geist als Ursache der Krankheit angesehen und vertrieben wird. Nemec berichtet von weiteren Zauberheilern im bäuerlichen Bereich in Österreich, die er als Boanrichter (Knochenrenker) und Blutstiller bezeichnet, wobei die Boanrichter eher modernen Chiropraktikern zu ähneln scheinen, wohingegen, die Blutstiller mit rein magischen Handlungen Blut zum gerinnen bringen. Einer dieser Blutstiller soll sein Können sogar über weite Entfernung hinweg, nur mit Hilfe des Namens seines „Patienten“ bewiesen haben. Ebenfalls im bäuerlichen Österreich wirken die Wenderinnen oder Wender, Menschen, die offenbar magische Praktiken mit Kräuterwissen kombinieren und auf diese Art und Weise Krankheiten bei Menschen behandeln. Hier führt Nemec die Schilderung von Franz Dusch an, der 1930 Magie und Aberglauben im Salzkammergut erforschte und eine Wenderin bei der Arbeit begleitete. Die Frau wurde zu einem kranken Kind mit hohem Fieber geführt. Nachdem sie das Kind an Armen und Beinen abgetastet hatte, umband sie sein Knie mit einem roten Faden und murmelte dazu einen Spruch. Vorher erklärte sie, dass sie die Krankheit mit einem starken Wort vertreiben würde. Diese Wenderin hatte aufgrund ihres Erfolges großen Zulauf...



Fraiskette Bayern (vor 1800)



Anhang

2. Merseburger Zauberspruch

Phol ende Uuodan vuorun zi holza.
dû uuart demo Balderes volon sîn vuoz birenkit.
thû biguolen Sinthgunt, Sunna era suister;
thû biguolen Frîia, Volla era suister;
thû biguolen Uuodan, sô hê uuola conda:
sôse bênrenkî, sôse bluotrenkî, sôse lidirenkî:
bên zi bêna,
bluot zi bluoda,
lid zi geliden,
sôse gelîmida sîn!

 




Übersetzung:

Phol (=Baldur) und Wotan ritten in den Wald.
Da wart dem Fohlen Baldurs der Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt, Sunnas Schwester;
Da besprach ihn Freyja, Fullas Schwester;
Da besprach ihn Wotan, der es wohl konnte:
So wie Beinrenke, so wie die Blutrenke, so wie die Gliedrenke:
Bein zu Bein,
Blut zu Blut,
Glied zu Glied,
sollen sein, wie geleimt!

(Aus einer Handschrift des 8. Jh -
wiederentdeckt im Jahre 1841
und 1842 von Jacob Grimm herausgegeben und kommentiert)

Heilspruch der Frau des Zensors von Repach (Regierungsbezirk Koblenz)

Der heilige Mann Sanct Simeon.
Soll gen Rom reiten oder gahn,
Da trat sein Fohlen uf ein Stein
Und verrenkt sich sein Bein.
Bein zu Bein
Blut zu Blut.
Im Namen Gottes des Vaters,
Ader zu Ader,
Fleisch zu Fleisch.
So rhein khome sie zusammen
In unseres Herrn Jesu Christi Namen.
Also rhein du aus Mutterleib khomen bist.

(dokumentiert im Jahr 1575)



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