
(Seminare und Einzelsitzungen)
|
Gedichte des Jahres 1998
Gedicht des Monats Januar
Schamanistische Initiation
Alleine
stehe ich am Abgrund
Bereit
zum Sprung auf die andere Seite
des ewigen Paradoxums
wo Nein Ja
und Ja Nein ist.
Alleingelassen
mit mir selbst
Verschwunden
die Welt um mich herum
stehe ich am Ufer des Flusses
der Fährmann bereit
mich überzusetzen.
Allein
erklimme ich den alten Baum
mit neun Ästen
weiter und weiter
höher und höher
bis hin
zu den tanzenden Göttern.
(c) Varuna 10/97
Gedicht des Monats Februar
Die Wanderin zwischen den Welten
Ich bin die, die zwischen den Welten wandelt
Ich komme aus dem Nichts
und gehe ins Nirgendwo
Und mit jedem Schritt, den ich mache
ist mein Ziel weiter von mir entfernt,
denn der Weg ist in mir
Hier und dort
und gestern und morgen
ist immer dasselbe
denn ich bin im Zentrum
zwischen den Unendlichkeiten.
(c) Varuna 4/95
Gedicht des Monats März
Die Rückkehr
"Mögen die Götter mit Dir sein"
sagte sie
als er eintrat
in das Labyrinth
wie ein Kind
neugierig
offen
hungrig nach Weisheit
tiefer und tiefer
stieg er
die Spirale hinab
bis hin zum Ende
wo er
die Antwort fand
wo er
nichts fand
als er den Schleier lüftete
die Wahrheit
war schmerzvoll
laut schreiend
drehte er sich um
und stieg
die Windungen hinauf
und kehrte zurück
zu ihr
als alter Mann.
(c) Varuna 2/98
Gedicht des Monats April
Frag mich nicht
Frag mich nicht, wie alt ich bin
Ich bin so alt, wie der Wind in Deinen Haaren
Ich bin so alt, wie das Wasser der Meere
Ich bin so alt, wie das Feuer der Sonne
Ich bin so alt, wie das Felsgestein
Ich bin so alt, wie der Mond am Himmel
und so alt, wie ein neugeborenes Kind
(c) Varuna 8/93
Gedicht des Monats Mai
Heilige Hochzeit
Tanzend
im Schein des Feuers
sah ich Ihn
Der Blick Seiner Augen
unendlich alt
unendlich weise
tiefe schwarze Seen
mit Flammen
blauen Feuers
zog mich
in Seinen Bann
mit sich fort
tiefer und tiefer
hinein in den Hain
mondbeschienen der Platz
an dem ich mich Ihm ergab.
(c) Varuna 10/97
Gedicht des Monats Juni/Juli
Tod
Wir sind Kinder
der großen Mutter
Mädchen
Frau
weise Alte
Anfang und Ende
Nabe des Rades
das sich weiterdreht
geboren aus IHR
kehren wir zu IHR zurück
ewiger Kreislauf
von Leben und Tod.
(c) Varuna 10/97
Gedicht des Monats August
Lughnasad
Gülden gänzt es von den Feldern
gelb gereift der Ähren Frucht
Fülle überzieht das Land
des Kornkönigs Revier
doch die Schatten werden länger
der Ruf der Anderswelt ertönt
Die Sichelfrau schreitet einher
das ew'ge Opfer fordernd.
Und weise beugt der Herrscher sich
vor IHR, der Frau in Schwarz.
(c) Varuna 7/97
Gedicht des Monats September
Mabon
Licht und Schatten im Gleichgewicht
Ich höre Seine Schritte
und der Schatten des Geweihs
fällt auf die gold'ne Ebene
Ein letzter Gruß
Ein wissendes Lächeln
und Er schreitet durch das Tor
zur Unterwelt.
(c) Varuna 9/96
Gedicht des Monats Oktober
Schwangerschaft
Schwimmend
im warmen Wasser des Uterus
tanzt es träumend
der Welt entgegen
verbunden mit Ihr
ein Kreislauf
zwei Herzen
im Takt des Lebens.
(c) Varuna 9/97
Gedicht des Monats November
Zwei Welten
Getrennt durch die Zeit
in verschiedenen Welten lebend
suchen
rufen
sie nach einander
Eines Tages
werden sie sich erneut begegnen
die alte Aufgabe
zu Ende zu bringen
Eines Tages
werden die Türen sich öffnen
und zwei Welten
werden eine sein.
(c) Varuna 11/98
Gedicht des Monats Dezember
Jul
In sich versunken träumt der Wald
gibt Ahnung von des Lebens Mitte
Der Schein der Himmelsleuchte grüßt
als wär sie aus der Anderswelt
Nun bricht herein die längste Nacht
die Furcht und Hoffnung bringt
Die Dunkelheit umfängt uns sacht
Das Schicksalsrad bleibt steh'n
Ein Eiseshauch weht übers Land
die Weltenesche bebt
Und in der tiefsten Finsternis
beginnt ein sanftes Leuchten
Das Rad des Lebens kreist erneut
Das Sonnenkind ist da
"Hab Dank, oh Göttin, tausendfach
für die Geburt des Lichts!"
(c) Varuna 12/96
© Varuna Holzapfel 1998.
|