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  (Seminare und Einzelsitzungen)

Leseprobe von "Das Hexeneinmaleins"




Die Hütte am Fuße des Berges


Eines Morgens erwachte Aria. Es war ein warmer Frühlingstag. Gestern war die Mutter mit ihr bei der Schamanin gewesen und diese hatte beschlossen, daß sie jetzt alt genug wäre, um die Prüfung zu bestehen. Gleich am nächsten Tag sollte sie sich auf den Weg machen.
Dieser Tag war heute. Aufgeregt stand Aria auf und lief zur Mutter, die gerade das Frühstück zubereitete. Die Mutter küßte sie herzlich, hielt sie eine Armeslänge von sich weg und betrachtete sie: "Jetzt wirst Du bald eine Frau sein." Dann ging sie hinüber zur Wand und öffnete eine alte Truhe.

Als sie sich wieder umwandte, hielt sie in der Hand einen Ledergürtel und das Messer, das für Aria zu ihrer Geburt angefertigt worden war.
Dieses Messer war der einzige Gegenstand, den sie auf der Suche nach ihrer Kraft, so nannten es die Alten, mit sich führen durfte. Sie mußte eine Zeitlang in die Wildnis, um dort ihre Kraft zu finden. Während dieser Zeit durfte sie nicht reden und nur das essen, was die Natur freiwillig gab. Das Messer sollte nur zum Bau einer Hütte benutzt werden, getötet werden durfte mit ihm nicht.
Aria nahm die Sachen schweigend entgegen. Die Mutter machte eine segnende Geste über ihr und brachte sie zum Ausgang des Hauses.
Aria trat hinaus auf den freien Platz, um den sich die Häuser der Dorfbewohner gruppierten. Hinter dem Dorf schlängelte sich ein kleiner Pfad eine Anhöhe hinauf, wo das Haus der Schamanin stand. Hinter ihrem Haus war der Zugang zur Höhle, zum Schoß der großen Mutter, den nor-malerweise nur die Priesterinnen und Priester betreten durften.
Aria sah zum Haus der weisen Frau hinüber und erinnerte sich wieder an die Anweisungen, die ihr gestern gegeben wurden: "Gehe in die Richtung auf die Sonne zu, dann wirst du zum heiligen Berg kommen. An seinem Fuße ist eine Quelle, die von einem Hain umstanden wird. Betrete diesen Ort mit Ehrfurcht, denn er ist heilig. Hier wirst Du Dich nun aufhalten, bis der Sichelmond erscheint. Du darfst nichts töten und kein Fleisch essen. Die einzige Nahrung, die Du zu Dir nehmen darfst, ist die, die Dir die große Mutter freiwillig gibt. Auch das Wasser aus der Quelle darfst Du trinken. Vergiß aber nicht, der Hüterin der Quelle, einer Nymphe, zu danken."
An diese Worte dachte sie, als sie sich jetzt der Sonne entgegen wandte und ihren Weg begann.
Sie war schon ziemlich lange gewandert. Erst durch den Wald, dann durch eine Steppe und dann wieder durch einen Wald.
Sie war hungrig und durstig, wollte aber erst rasten, wenn sie den heiligen Berg gefunden hatte. Die Schatten wurden kürzer und die Sonne erreichte ihren höchsten Stand. Da sah sie den heiligen Berg am Horizont auftauchen. Je näher sie kam, desto deutlicher wurden seine Umrisse. Ja, er sah wirklich aus wie ein schlafender Drache.
Völlig erschöpft erreichte sie den Fuß des Berges, trank von dem klaren Quellwasser, nachdem sie der Hüterin gedankt hatte, legt sich unter einen alten Baum und schlief ein. Morgen würde sie die Hütte bauen und die Gegend kennenlernen.
Am nächsten Morgen erwachte sie mit knurrendem Magen. Alles tat ihr weh und sie sehnte sich nach Hause zu ihrer Mutter. Doch sie hatte wenig Zeit, Heimweh zu empfinden. Sie ging zur Quelle, dankte und trank das kühle Wasser. Dann machte sie sich daran, aus abgestorbenen Ästen und Zweigen eine kleine Hütte zu bauen, die ihr als Schlafplatz dienen sollte.
Als die Hütte fertig war, machte sie sich auf die Suche nach Beeren, die sie heißhungrig verzehrte.
Mit den Tagen gewöhnte sie sich an das Hungergefühl. Manchmal jedoch fühlte sie sich wie von einem Nebel eingehüllt, der ihre Umgebung in ein eigenartiges Licht tauchte.
Eines Tages wurde sie mit einem merkwürdigen Gefühl wach, daß sie den ganzen Vormittag über nicht mehr losließ. Gegen Mittag hörte sie aus den Büschen ein Geräusch, daß nur von einem sehr großen Tier stammen konnte. Angst überkam sie. Sie war allein in der Wildnis. Niemand konnte ihr helfen. Doch tief in ihrem Inneren wußte sie, daß sie sich dieser Angst stellen mußte. Sie bewegte sich auf das Gebüsch zu, als es sich plötzlich teilte und der Kopf eines Wolfes zum Vorschein kam.
Erneut überfiel Aria Angst, als das ungewöhnlich große Tier auf sie zukam und vor ihr stehenblieb.
Aria sah den Wolf an, blickte ihm direkt in die Augen und sah, daß sie tiefschwarz waren. Auf einmal schien es ihr, als würde sie die Stimme des Wolfes in ihrem Kopf hören. "Hab keine Angst. Ich bin, wonach Du gesucht hast. Ich bin Deine Kraft. Ich habe Dich schon lange beobachtet. Aus Dir wird einmal eine sehr geachtete Frau werden und deshalb sollst Du den Namen Akina tragen, das bedeutet 'die Hüterin der Kraft'." Aria nickte mit dem Kopf als Zeichen, daß sie verstanden hatte und blickte den Wolf erneut an. Die Augenfarbe schien sich geändert zu haben, denn sie war jetzt grau. Auch die Stimme in ihrem Kopf war verstummt.
Sie schüttelte den Kopf. Hatte sie am hellichten Tage geträumt? Die Begegnung hatte sie verwirrt. Als sie nochmals den Wolf ansehen wollte, war dieser verschwunden.
In der folgenden Nacht hatte sie einen seltsamen Traum. Die Schamanin kam zu ihr und lächelte sie an: "Ich sehe, Du hast Dein Krafttier gefunden, Akina. Es ist an der Zeit, daß Du zurückkehrst, denn schon bald wird Dich der Ruf der Mondin ereilen."

Am nächsten Morgen verabschiedete Aria sich von der Quelle und dem Berg und machte sich auf den Weg zurück nach Hause. Sie dachte über das nach, was ihr die Schamanin im Traum gesagt hatte. "Der Ruf der Mondin wird Dich bald ereilen." Die Frauen hatten gesagt, daß man danach eine Frau sei. Aber auch schon jetzt fühlte Aria sich nicht mehr als kleines Mädchen. Sie hatte ihr Krafttier gefunden und einen neuen Namen erhalten.

(Von diesem Buch können noch Restexemplare bei mir erworben werden.)



© Varuna Holzapfel 2001.