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Leseprobe von "Einweihung in das Hexeneinmaleins"




Visionssuche


Dunkelheit des Waldes
hüllt mich ein.
Plätschern des Baches
singt mir ein Lied.
Endlos
Lang
Ein Wispern in den Bäumen
Schatten, die vorüberhuschen
Stille
Einsamkeit
Allein mit mir selbst
in einer Welt voller Zauber
Warten
Hoffen
Ein Traum steigt auf
aus tiefster Quelle
Ein Wort der Kraft
ruft in mir
und ich bin eins mit allem.

Bevor für den jungen Menschen die Phase der Pubertät, bei Mädchen gekennzeichnet durch die Menarche, die erste Regelblutung, beginnt, ist es Zeit für die Visionssuche.
Dabei geht es um das Erkennen der eigenen Kraft, der Quelle des Göttlichen in einem jeden von uns. Dabei ist es von großer Wichtigkeit, daß die Vision herausgefordert wird, das heißt, sie tritt nicht spontan an die Person heran, sondern wird "gesucht", was eigene Aktivität voraussetzt. Diese Suche ist auch eine Suche nach sich selbst. Sie ist der erste Schritt auf dem langen Weg der Ablösung von den Eltern und zur Selbständigkeit.
In unserer heutigen Kultur ist das Wissen um diesen wichtigen Schritt im Leben eines jeden Menschen verlorengegangen, so daß ein Kind, das auf Visionssuche gehen möchte, meistens auf Widerstand seitens der Eltern und Unverständnis seitens der Freunde stößt.
Für die Entwicklung eines Menschen ist es aber wichtig, die Loslösung von den eigenen Eltern bewußt zu vollziehen, denn nur so hat er die Möglichkeit, eine selbständige, unabhängige Persönlichkeit, ein Erwachsener, zu werden. Selbst heute noch haben viele junge Menschen gerade im Stadium der Vorpubertät den Drang, alleine zu sein und isolieren sich zeitweise von ihrer Umwelt. Die Visionssuche bot den jungen Menschen genau das, was sie zu dieser Zeit brauchten, Isolation, um zu sich selbst zu finden.
Selbst wenn jedoch Eltern ihrem Kind heutzutage erlauben würden, auf Visionssuche zu gehen, so wie es bei einigen Stämmen Nordamerikas und Afrikas heute wieder praktiziert wird, ergäben sich einige Schwierigkeiten.
Die Werte und Normen unserer Gesellschaft haben sich im Laufe der Jahrtausende natürlich gewandelt. Würden Eltern ihrem Kind erlauben, einige Zeit ohne feste Nahrung, in völliger Einsamkeit, in einem Wald zu verbringen, würden sich früher oder später die Behörden einschalten. Den Eltern würde eine Anzeige wegen Verletzung der Aufsichtspflicht, dem Verlassen von Schutzbefohlenen oder ähnliches drohen. Sie würden höchstwahrscheinlich als verrückt oder einer obskuren Sekte zugehörig angesehen werden und verlören schlimmstenfalls das Sorgerecht für ihre Kinder.
Die Kinder, die auf dieser Visionssuche etwas Wichtiges erfahren hätten, würden keine Möglichkeit haben, über das Erlebte mit Gleichaltrigen zu sprechen und ihre Erfahrungen auszutauschen, sie kämen sich ausgegrenzt vor.
Selbst wenn die Visionssuche wieder gesellschaftlich akzeptiert oder zumindest toleriert werden würde, ergebe sich ein anderes Problem. Es gibt in Deutschland kaum noch einen Platz in unberührter Natur, wo nicht nach einiger Zeit Spaziergänger oder Forstbeamte vorbeikämen, deren Anwesenheit für denjenigen, der sich in die Einsamkeit zurückgezogen hat, als störend empfunden werden würde, mal ganz abgesehen von den Fragen, die man zu beantworten hätte.
Dasselbe Problem tritt übrigens auch dann auf, wenn wir unsere Jahreskreisfeste feiern möchten. Deshalb verlegen wir die Festlichkeiten in die dunkle Tageszeit, wenn uns niemand stören kann. Am nächsten Tag wundern sich dann die Spaziergänger, die zufällig an unserem Tanzplatz vorbeikommen, wahrscheinlich über den großen Mehlkreis auf dem Boden und die anderen Überreste unseres Rituals. Ein weiteres Defizit ist die veränderte Natur. Die Visionssuchenden in früheren Zeiten wußten, daß die Chance bestanden hätte, in der Wildnis auf Wölfe, Bären, Luchse und andere Raubtiere zu treffen. Sie waren sich der Gefahr ihrer Visionssuche vollauf bewußt. Auch das war ein Teil der Vision, eins zu werden mit der Natur und sich ihren Gesetzen zu unterwerfen.
Andrerseits sind gerade die großen Raubtiere auch Mittler zwischen den Welten und als Krafttiere bekannt, die sehr wohl auch Bestandteil einer Vision sein können.
Die Visionssuche ist der erste Schritt im Weg des Hexeneinmaleins'. Da die Frauen, die ich auf diesem Weg begleite, zuvor niemals rituell in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurden, obwohl sie alle schon volljährig sind, gelten sie im Sinne des Hexeneinmaleins noch als Nichterwachsene.
Aus bestimmten Gründen, die ich bereits weiter vorne aufgeführt habe, schicke ich die Frauen auch nicht in den Wald, obwohl nichts dagegen spricht, dort nach seiner Vision zu suchen. Wenn also einer von euch die Möglichkeit hat, ein garantiert ungestörtes Plätzchen im Wald zu nutzen und ihr in den Wald gehen möchtet, dann tut es.
Wichtig für die Suche ist, daß ihr während dieser Zeit auf feste Nahrung, und wer mag, auch auf Flüssigkeit, verzichtet, also fastet. Laßt euch jedoch vorher untersuchen, ob ihr organisch gesund und kräftig genug seid, Eure Visionssuche heil zu überstehen. Allerdings seid ihr letztendlich selber für euch verantwortlich. Ihr entscheidet, ob und wann ihr auf die Suche gehen wollt.
Verzichtet auf bewußtseinsverändernde Mittel jeglicher Art, ihr werdet auch ohne ziemlich "high" sein.
Für diejenigen, die nicht die Möglichkeit haben, in den Wald zu gehen, bleibt Zuhause. Die Frauen, die bereits den ersten Schritt des Hexeneinmaleins' gegangen sind, haben die Zeit der Visionssuche Zuhause verbracht. Ein Wochenende hat völlig genügt, ihr könnt euch allerdings auch mehr Zeit nehmen, allerdings rate ich davon ab, länger als zehn Tage zu fasten.
Fangt am besten Freitag, nach Feierabend, an. Achtet darauf, daß ihr an diesem Tag nur leichte Kost zu euch nehmt und auf Alkohol verzichtet. Sagt Euren Bekannten Bescheid, daß ihr übers Wochenende, bzw. über die Zeit, die ihr eingeplant habt, nicht erreichbar seid, damit sich Niemand Sorgen machen muß, wenn ihr nicht ans Telefon geht. Ihr solltet allein Zuhause sein, wartet also einen günstigen Zeitpunkt ab, zum Beispiel wenn eure Familie oder eure Mitbewohner im Urlaub sind und ihr die Wohnung oder das Haus für euch alleine habt. Zieht den Telefonstecker raus. Telefonieren oder sonstige Kommunikation mit anderen Personen während dieser Zeit sollte vermieden werden. Seht kein Fernsehen, hört kein Radio, benutzt kein elektrisches Licht oder elektrische Geräte. Lest keine Bücher, geht nicht raus. Fastet und meditiert, bzw. tut gar nichts. Stellt euch vor, ihr seid in der Wildnis. Alle Dinge, die ihr dort nicht zur Verfügung habt, könnt ihr jetzt auch nicht benutzen. Sitzt einfach nur da und wartet, wartet auf eure Vision. Sie kann auf verschiedene Arten an euch herantreten, aber sie wird kommen, wenn ihr ernsthaft daran interessiert seid.
Eine der Frauen, die die erste Übung absolvierte, bereitete sich mit Körnerkost auf das Fasten vor und plante nach dem Wochenende auch noch ein paar Tage zum "Zurückkommen" ein. Ihre Vision war sehr kraftvoll und als sie nach ihrer Visionssuche zum ersten Mal wieder auf die Straße ging, kamen ihr die vorher vertrauten Geräusche sehr laut und fremd vor und das Gewimmel der vielen Menschen wirkte auf sie etwas irritierend. Die Zeit der Suche hatte ihre Sinne geschärft.
Für einen Menschen, der in unserer technisierten, konsumorientierten Gesellschaft lebt, ist es sehr schwer, auch nur einige Minuten ohne Ablenkung oder Kommunikation zu verbringen. Das Gefühl der Einsamkeit, des Alleinseins während der Visionssuche kann eine erschreckende Erfahrung sein. Aber nur so, allein mit sich selbst, kommt die Welt zum Stillstand. Nur so können wir das wahrnehmen, was sonst durch zuviel Lärm und visuelle Reize überdeckt wird. Und nur so wird uns unsere Vision geschenkt.

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